Es gibt Dinge im Leben, auf die man sich verlassen kann: Der Kaffee ist immer dann alle, wenn man ihn am dringendsten braucht. Das W-LAN verabschiedet sich genau in dem Moment, in dem die Präsentation hochgeladen werden soll. Und Analystenbewertungen? Nun, die treffen in etwa so oft ins Schwarze wie ein Wetterbericht, der im Sommer vor Hitze warnt und im Winter vor Kälte. Die Frage ist also nicht, ob Analystenempfehlungen eine Wissenschaft oder doch eher ein Horoskop mit Zahlen sind – die Frage ist, warum sich trotzdem so viele Investoren davon beeinflussen lassen.
Die Wall Street ist voll von hochbezahlten Experten, die mit ernster Miene und beeindruckenden Diagrammen Kauf- oder Verkaufsempfehlungen aussprechen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell ein Muster: Aktien, die von Analysten hochgelobt werden, laufen oft schlechter als jene, die sie in den Finanzkeller schicken. Die Zahlen belegen es: Wer konsequent die Aktien kauft, die die Analysten am schlechtesten bewerten, und jene meidet, die sie euphorisch empfehlen, würde langfristig besser abschneiden. Das ist ein bisschen so, als würde man immer die Tür wählen, hinter der laut Spielleiter garantiert kein Gewinn steckt – und plötzlich findet man sich in einem Raum voller Goldbarren wieder.
Woran liegt das? Analysten stecken in einem Dilemma: Einerseits sollen sie unabhängig bewerten, andererseits arbeiten sie oft für Banken, die mit den Unternehmen, die sie analysieren, Geschäfte machen. Wer würde es sich schon mit potenziellen Kunden verscherzen, indem er ihre Aktie auf „verkaufen“ setzt? Das ist, als würde der Restaurantkritiker vom besten Freund des Kochs gesponsert – wie objektiv die Bewertung wohl ausfällt, kann sich jeder denken.
Auch Änderungen in den Bewertungen sind wenig hilfreich. Wer hofft, dass eine Hochstufung eines Unternehmens automatisch zu Kursgewinnen führt, wird oft enttäuscht. Analysten reagieren meist auf vergangene Entwicklungen, statt die Zukunft vorherzusagen. Eine Aktie, die gerade gut lief, wird hochgestuft – aber dieser Erfolg ist bereits eingepreist. Wer erst nach einer Kaufempfehlung zuschlägt, kommt zur Party, wenn das Buffet schon leer ist.
Aber wenn Analystenbewertungen wenig taugen, was dann? Die Antwort ist so einfach wie unspektakulär: Breit gestreut, nie bereut. Wer sein Geld in einen ganzen Markt investiert, hat langfristig die besten Chancen auf Erfolg. Kein Rätselraten, keine Kristallkugel – nur solides, ruhiges Investieren. Ein ETF auf den globalen Aktienmarkt macht genau das: Er nimmt die Unsicherheit aus dem Spiel, indem er auf eine breite Diversifikation setzt. Man muss sich nicht ständig fragen, ob Tech oder Pharma gerade der heiße Tipp ist, und kann das Leben genießen, während das eigene Portfolio über Jahre wächst.
Natürlich ist es reizvoll, den Markt schlagen zu wollen. Doch die Daten zeigen immer wieder: Die wenigsten schaffen es. Wer sich das Herumraten sparen will, investiert einfach in die gesamte Weltwirtschaft und überlässt den Nervenkitzel anderen. Analysten mögen mit ihren Prognosen oft danebenliegen – aber eines kann man von ihnen lernen: Gute Geschichten verkaufen sich immer. Nur ist das leider nicht immer gleichbedeutend mit guten Investitionen.
PS: Einen herzlichen Dank an Adam Parker, auf dessen Artikel „Investors should be wary of analyst ratings“ dieser Beitrag maßgeblich beruht.
P.P.S. Auch Nachzulesen in dieser Studie von Barber, Lehavy, McNichols und Trueman im The Journal of Finance „Can Investors Profit from the prophets?“
Financial Poetry
Kaufen, halten, hoffen, bangen,
Analysten stets verlangen,
dass wir ihren Worten trauen,
statt auf Fakten nur zu bauen.